Unternehmen & Geschichte

Robert Reichert: Know-how seit 1880

Robert Reichert entstammte einer schlesischen Gutsbesitzerfamilie. Er erlernte das Brauerhandwerk und erhielt im Jahr 1870 von den „Ältesten der Mälzer und Bierbrauer“ in der königlich-preußischen Stadt Brieg seinen Gesellenbrief. Und als echter Handwerker ging er wie damals üblich auf die Wanderschaft.

So kam er nach Rheydt, wo er in der früheren Rothermundtschen Brauerei Braumeister wurde. Dort lernte er auch Anna-Catharina aus der alteingesessenen Familie Kuhlen kennen und lieben.

Mit ihr schloss er am 28.12.1880 den Bund fürs Leben und übernahm am gleichen Tag die Mitgift seiner jungen Frau, das Hotel Flamm auf der Bahnhofstraße in Rheydt. Somit war der 28.12.1880 auch der Gründungstag der Firma Robert Reichert.

Schnell wurde das Hotel-Restaurant unter dem Namen Hotel Reichert bekannt und angesehen.

Kurz nach der Übernahme des Hotels begann Robert Reichert zusätzlich einen Bierhandel, so dass er 1885 in der Bevölkerungsliste von Rheydt als „Gastwirth und Bierhändler“ aufgeführt wird.

Die gute Entwicklung veranlasste den Jungunternehmer, seinen Grundbesitz beträchtlich zu erweitern und sich nur noch dem Bierhandel zu widmen. Das Hotel Reichert wurde verpachtet; und 1887 zog die Familie in ein großes kombiniertes Wohn- und Geschäftshaus auf der Odenkirchener Straße. Gleichzeitig wurde auch das Hotel Reichshof erworben.

1894 ließ er dann einen Bierkühlkeller mit einer damals völlig neuartigen Kühlanlage errichten, mit der auch Stangeneis zur Getränkekühlung für seine Gastronomiekundschaft hergestellt wurde.

So sehen wir auf einem Briefkopf vom Anfang des letzten Jahrhunderts die Bier-Großhandlung und Kristalleis-Fabrik mit den Generalvertretungen für Dortmunder Union Bier, Bürgerbräu München, Tucher und Pilsner Urquell.

Robert Reichert war ein Mann, der mit dem Fortschritt ging. Die zweistellige Telefonnummer 45 zeugt von einem der ersten Telefonanschlüsse in Rheydt. 1910 wurde dann einer der Pferdeställe zu einer Garage für Automobile umgebaut: vom Bierkutscher zum Bierfahrer.

Doch plötzlich wurde die Expansion der Firma Reichert jäh gestoppt: 1914 brach der Erste Weltkrieg aus. Auf Grund der schlechten Rohstofflage litt die Qualität der Biere, die Mitarbeiter wurden zu den Waffen gerufen; und der Absatz schmolz dahin.

Da starb am 7. April 1918 Robert Reichert im Alter von 65 Jahren. Da weder Kinder noch Schwiegersöhne willens waren, in die Firma einzutreten, übernahm die Witwe Robert Reicherts, Anna-Catharina Reichert, die Leitung des Unternehmens. Obwohl völlig unerfahren in der Betriebsführung, schaffte es die resolute siebenfache Mutter, die Firma durch die innenpolitischen Wirren der Revolution, der Nachkriegszeit und der Inflation mit Geschick zu lenken. So erweiterte sie die Angebotspalette um einen bedeutenden Mineralbrunnen und Spirituosen.

Als die Firma sich konsolidiert hatte, starb Anna-Catharina Reichert 1926, und die Geschäftsführung wurde in fremde Hände übertragen.

Die Weltwirtschaftskrise 1928, ausgelöst durch den „schwarzen Freitag“ an der Wall Street, machte deutlich, dass ein inhabergeführtes Unternehmen in dieser Zeit wohl größere Chancen haben würde. So gab 1930 der Schwiegersohn der verstorbenen Eheleute Reichert, Otto Ingenschay, seine bisherige Tätigkeit als stellvertretender Direktor der Deutschen Bank in Rheydt auf und übernahm die Geschäftsleitung.

War 1928 schon mit dem Vertrieb von Bitburger Pils begonnen worden, so kamen jetzt noch die Biere der Dortmunder Actien Brauerei sowie der Paulaner Thomas Bräu hinzu. Hiermit gelang es, die Umsätze von Jahr zu Jahr zu steigern, bis mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs am 1. September 1939 eine erneute Zäsur stattfand.

Zwar wurden Ende 1939 noch die Produkte der König Brauerei aufgenommen; das Geschäft brach aber dann während des Krieges mehr oder weniger ganz zusammen. Nach dem Kriegsende stand man erst einmal vor dem Nichts.

Glücklicherweise war aber das Betriebsgelände erhalten geblieben, so dass man dort wieder mit der Abfüllung von Flaschenbier und der Herstellung von Spirituosen beginnen konnte.

Mit der Währungsreform ging es mit der Wirtschaft wieder aufwärts. Die Bierqualität erreichte wieder Friedensniveau; und die Firma Reichert wuchs kontinuierlich von Jahr zu Jahr. Zum 75-jährigen Jubiläum 1955 hieß es: „Rechtzeitig erkannte die Firma das Ansteigen des Flaschenbier-Konsums. Sie ergänzte ihren Betrieb durch entsprechende technische Einrichtungen, um den steigenden Anforderungen beim Abfüllen gewachsen zu sein. Heute gewährleistet eine halbautomatische Reinigungsanlage mit Abfüllerei eine Stundenleistung von 1.500 Flaschen. Das reicht für absehbare Zeit aus, den Bedarf zu decken.“

Zum Vergleich: Allein nur an Bitburger Flaschen verkaufen wir heute pro Stunden das achtfache, bei Gerolsteiner Produkten das neunfache.

Aber auch die Firma Reichert der 50er Jahre wuchs und wuchs. Da die angestammten Räume an der Odenkirchener Straße zu eng wurden, siedelte man 1959 auf ein größeres Gelände am Stockholtweg um.

Otto Ingenschay konnte sich hierüber nur kurz freuen, denn er starb am 15. September 1960. Als Nachfolgerin trat seine Tochter Gisela Remus in die Geschäftsleitung ein, die zusammen mit ihrem Mann Kurt Remus bereits seit 1949 in der Firma mitgearbeitet hatte.

Die Veränderungen des Marktes führten zu einer Konzentration auf das eigentliche Kerngeschäft: den Großhandel mit Bieren und alkoholfreien Getränken. So wurde 1964 die Produktion von Spirituosen eingestellt und kurz darauf auch die eigene Bierabfüllung und der Weinverkauf.

Gleichzeitig wurde ein neuer Vertriebsweg durch die Eingliederung des Getränkeheimdiensts G. Remus 1968 sowie ein Jahr später durch die Übernahme des Bierverlags Willi Welters in Niederkrüchten beschritten.

Da Kurt Remus aus gesundheitlichen Gründen aus der Firma ausscheiden musste und der damalige Prokurist Hans-Gregor Cremer 1970 tödlich verunglückte, suchte man jemanden zur Erweiterung der Geschäftsleitung. So kam am 1. August 1971 Walter Sewing zunächst als Prokurist, später auch als Geschäftsführer und Gesellschafter in die Firma Reichert.

Seine erste große Aufgabe war die Suche nach einem Betriebsgelände. Die Umsatzsteigerung speziell im Flaschenbierbereich und bei den alkoholfreien Getränken hatte es nötig gemacht, neben dem Hauptlager am Stockholtweg zeitweise bis zu 9 weitere Ausweichlager anzumieten.

Nach langwieriger und intensiver Suche konnte 1973 ein entsprechend großes Areal im Industriegebiet Erftstraße in MG-Giesenkirchen erworben werden. Auf dem Gelände wurde 1976/77 die erste Lagerhalle errichtet und 1978/79, nach dem Verkauf des alten Betriebsgeländes am Stockholtweg, auch das Verwaltungsgebäude erbaut.

So stellte sich die Firma Robert Reichert zu ihrem hundertjährigen Jubiläum als moderner Betrieb in zeitgemäßen Räumen dar. Mit berechtigtem Stolz wurde dies auch entsprechend gefeiert.

Leider verstarb Walter Sewing nach langer schwerer Krankheit am 21. Dezember 1985 im Alter von nur 53 Jahren. Neue Gesellschafterin wurde seine Witwe Waltraud Sewing, neuer Geschäftsführer der langjährige Prokurist Horst Steinfels-Sieben.

Die Expansion der Firma Reichert ging stetig weiter, nicht zuletzt auch durch die Geschäftsverbindungen mit der REWE und den Grenzland Verbrauchermärkten. So wurde das Betriebsgelände durch Zukauf weiter vergrößert und die vorhandene Halle durch zwei Ausbauten erheblich erweitert. Weiteres Wachstum entstand durch die Übernahme von Kollegenbetrieben im näheren Umfeld. So wurden von 1995 bis 2001 die Firmen Heinrich Vitz, Heinrich Bremer, Nusselein, Christ und Hans Horst Schmitz integriert, wobei die Betriebsstätte der Firma Christ in Erkelenz-Kuckum heute als Veranstaltungsservice Reichert weiter genutzt wird.

1996 ging Horst Steinfels-Sieben in den wohlverdienten Ruhestand; als Geschäftsführer folgte ihm Helmut Jennes nach, der die Firma bis heute leitet.

Nach dem Tod von Waltraud Sewing am 15. Januar 1999 wurde ihr Sohn Steffen Sewing Gesellschafter der Firma Robert Reichert.

Das Jahr 1999 brachte aber noch eine weitere Veränderung. Zum 1. Oktober übernahm die Firma Reichert das Handelsgeschäft der Firma Gerd Meyer in Euskirchen. Die Umsätze speziell im REWE-Streckengeschäft wurden hierdurch erheblich vergrößert.

Am 24. Oktober 2001 verstarb unsere langjährige Hauptgesellschafterin Gisela Remus im Alter von 80 Jahren. Da ihre Ehe kinderlos geblieben war, hatte sie bereits zu ihren Lebzeiten dafür gesorgt, dass das Fortbestehen der Firma Reichert gesichert war. Sie gründete die Gisela-Remus-Stiftung, die bis Ende 2007 Hauptgesellschafterin von Robert Reichert war.

Danach trat die Firma Wifa Getränke-Logistik GmbH & Co. KG als Gesellschafterin ein. Seit 2009 leiten die Herren Hans-Jürgen Lütticke und Jochen Lütticke als Gesellschafter die Geschicke der Firma Robert Reichert.